The Roaming Lie

 

 

Mir ist gestern etwas passiert, dass ich so noch nicht kannte. Ich kann das Gefühl nicht genau beschreiben, daher gibt es eine Geschichte dazu. In der Mittagspause bin ich zum Essen gegangen. Ich gehe meist allein essen. Die Zeit nutze ich dann um wenigstens ein bisschen was von der Welt mitzubekommen. Denn bei uns gibt es in der Abteilung kein Radio und Diskussionen Abseits von „Bauer sucht Frau“, „Was gab es denn gestern bei euch zum Essen?“ oder „Die Erzieher haben sich gestern schon wieder über meine Kinder beschwert“ sucht man vergebens. Ich glaube in dem halben Jahr wie ich dort arbeite gab es eine politisch motivierte Diskussion und die war hochgradig rassistisch und Menschen verachtend.

Wie ich also so am Essen bin, mit dem Handy im Internet surfend, lese ich, dass sich Günther Oettinger und die EU auf eine Regelung zum Roaming geeinigt haben. Roaming, das steht für die Gebühren die Anfallen wenn wir mit unserem Handy im Ausland telefonieren. Angenommen ich nutze das Netz der deutschen Telekom und reise nun nach Schweden. Dann gibt es dort (zum Glück) kein Netz der Telekom sondern nur die Netze der schwedischen Telekomunikationsanbieter (Telkos). Will ich also mit meinem Telekom Vertrag dort telefonieren, dann funktioniert das zwar ohne Probleme, kostet aber Geld. Denn ich nutze ja das Netz eines anderen Anbieters. Das ist soweit auch noch irgendwie zu akzeptieren aber auf der anderen Seite auch nicht zeitgemäß. Die EU wollte diese Gebühren nun abschaffen und so die Grenzen in Europa noch weiter aufweichen.

Das klingt nun vorerst auch ganz gut. Das Problem ist, dass die Telkos an den Roaming-Gebühren Geld verdienen und dieses Geld nur ungern aufgeben würden. Also hat die Politik versucht ihnen etwas anderes zu geben. Denn nicht nur Roaming stand auf dem Plan sondern auch die Netzneutralität gesetzlich zu verankern. Da geht es dann schon los. Denn Günther Oettingers Einstellung dazu ist so weltfremd wie gefährlich.

 

 

Unter 2 Minuten und Blödsinn der für ein ganzes Leben reicht. Aber gut, wo soll ich anfangen? Taliban-artige Entwicklungen? Weil die Piraten das Grundprinzip der Netzneutralität gesetzlich verankern wollten? Aha. Also sind das Terroristen nur weil sie für ein freies Internet einstehen. Im Grunde bin ich also auch Terrorist.

Der gute Mann beschwert sich darüber, dass wir die Industrie verteufeln. Das stimmt aber so nicht. Denn gerade die großen IT Firmen wie Facebook, Google und gerade Apple machen viele Sachen die das Internet nach vorn bringen. Sie machen auch Dinge die nicht so schön sind aber generell kommen aus dieser Ecke schon recht viele Impulse die das Internet verbessern. Wem ich aber durchaus den schwarzen Peter zustecken würde, dass sind Unternehmen wie die Telekom oder auch Firmen die Industrie 4.0 wollen aber keine Ahnung haben was das eigentlich bedeutet. Schauen wir uns doch mal sein Beispiel mit den Autos an.

Da geht es also um unser Leben! Meins, deins, seins. Ich würd mal sagen von jedem eins. Nur was macht das Auto eigentlich, dass es das Internet benötigt? In Autos wird immer mehr Technik verbaut, das stimmt. Wir haben auch immer mehr Features wie ein Auto das selber bremsen kann bei Gefahr. Die Sache ist nur, dass das alles Sensoren sind die direkt im Auto verbaut werden. Selbst die Google-Autos, die komplett allein fahren brauchen kein Internet. All die Technik steckt im Auto und funktioniert auch offline. Muss ja auch wenn man sich die traurigen Zustände des Internets in Deutschland anschaut. Wenn man da auf dem Dorf kein Netz hat würde das Auto stehenbleiben.

Allgemein würde kein Techniker der bei Verstand ist ein Signal, das relevant ist für Sicherheit und dabei auch noch zeitkritisch, mit etwas Pech um die halbe Welt schicken. Solche Sachen sind mehrfach abgesichert und die Wege werden kurz gehalten. Das Internet ist dafür einfach nicht der passende Weg! Die Automobilhersteller gehen sogar den Weg, dass es im Auto zwei verschiedene elektronische Kreise gibt. Zum einen alles was das Auto steuert und dann halt den Rest wie Radio, Internet oder anderes Spielzeug. Daher tuen sich auch Apple und Google etwas schwer mit ihrer Software für Autos. Denn sie können dort auf keine relevanten Sensoren zugreifen. Was auch irgendwie Sinn macht, denn wenn eine Auto plötzlich bremst nur weil eine App schlecht geschrieben ist, wäre das doof.

Auch was den Krankenhaus-Fall angeht. Kein Arzt der Verstand ist wird über das Internet operieren. Selbst mit guten Latenzzeiten ist der die Verzögerung doch nicht hinnehmbar. Was Ärzte machen ist hingegen eine OP zu streamen. So kann ein Spezialist bei einer OP zusehen und dem Arzt Tips geben oder ihn mit seinem Rat unterstützen. Hier spielen aber ein paar Millisekunden Verzögerung keine große Rolle. Für andere spezielle Anwendungen haben Krankenhäuser sogar eigene Leitungen über die nur sie kommunizieren.

 

Am Ende sind all diese Fälle nur Ausreden. Denn die Telkos sind zu geizig um ordentliche Netze zu bauen. Lieber versucht man die bestehenden Netze noch stärker auszuquetschen. Denn ohne Netzneutralität kann man ja auch mal zu Google oder Facebook gehen und sagen „Schöne Daten haben sie da, wäre doch schade wenn denen was passiert!“ Das ist sowieso der feuchte Traum eines jeden Telko-Managers, das Geld der großen Internetfirmen. Aber das Thema hatte ich ja schon.

 

Daher kommt es nun auch nicht überraschend, dass die Netzneutralität gern getauscht wird um dafür Roaming abzuschaffen. Dass es wohl so kommen wird, damit haben wir schon länger gerechnet. Die Hoffnung bestand aber noch. Genauso wie die Hoffnung bestand, dass der Markt die Netzneutralität regelt. Denn ohne Roaming würden sich viele interessante Dinge ergeben.

Plötzlich wäre ich nicht mehr an die deutschen Telkos gebunden. Während ich in Deutschland mit 1GBim Monat an Daten leben muss bekomme ich in Finnland für das selbe Geld schon um die 50 GB. Die totale Flatrate kostet nur ein wenig mehr. Es wäre ohne Roaming ein Leichtes mir einen Vertrag in Finnland zu besorgen der ohne Einschränkungen auch in Deutschland funktioniert. Entsprechend würde sich die Netzneutralität vielleicht auch von selbst regeln. Denn wenn nun so viele Spieler (Telkos) auf dem Platz sind, dann kann man es sich nicht erlauben den Internetverkehr einzuschränken.

 

Aber auch diese Chance wurde vertan. Denn was als großer Sieg verkauft wird ist eigentlich eine riesen Niederlage der EU Politik. Dass das Roaming fallen soll ist so schon seit 2013 auf der Agenda. Die Telkos hätten also genug Zeit gehabt um sich damit anzufreunden. Dass man nun bis 2017 noch wartet, bis die Verordnung in Kraft tritt… ist ein Schlag ins Gesicht. Besonders in unserer Zeit wo sich das Internet so schnell entwickelt (2009 hatten in Deutschland nur ein paar Nerds Facebook, 2012/2013 kam WhatsApp hier an).

Außerdem ist das Kleingedruckte interessant. Denn Roaming wird nur für eine bestimmte Zeit aufgehoben. Wenn diese Zeit verbraucht ist, fallen wieder die selben Gebühren an wie schon jetzt. Wenn man sich die Formulierung genau anschaut und nach ähnlichen Formulierungen sucht, dass dürfte (!) sich diese Zeit auf lächerliche 50min pro Jahr belaufen. Wenn man also für 2 Wochen in den Urlaub fährt kann man jeden Tag 3,6 Minuten telefonieren. Sehr gut, dass wir dafür das Internet getötet haben. Hat sich ja gelohnt!

 

Meine Geschichte endet nun damit, dass ich nachdem ich das gelesen hatte wieder auf Arbeit gegangen bin. Habe zum Ende meiner Pause noch einen Kaffee getrunken. Ernüchtert und deprimiert über all das was ich gerade gelesen habe. Dann sehe ich wie auf dem Bildschirm im Pausenraum gerade NTV läuft. Dort wird in den Nachrichten das Roaming gefeiert und freudig darüber berichtet, dass man ja bald günstiger in der ganzen EU telefonieren kann…

Ich meine ich begleite das Thema nun schon länger und hänge da auch mit Herzblut dran. Wenn ich dann sehe wie das Thema den Massen die keine Ahnung davon haben präsentiert wird… dann frage ich mich wie das bei anderen Themen ist von denen ich keine Ahnung habe 🙁

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